Kinderakten

Normalerweise ist „Aktenführung“ nicht meine Lieblingsbeschäftigung. Ganz anders ist es bei den Kinderakten in Tansania, die ich bei meinen Besuchen in den Kinderdörfern zweimal jährlich aktualisiere.

Seit 2007 führen wir für jedes der von Amani betreuten Kinder eine Akte, in der die wichtigsten Informationen über das Kind festgehalten und fortgeschrieben werden, z.B. wann wurde das Kind geboren? (Oft kann das nur geschätzt werden.) Lebt ein Elternteil noch? Wie und warum kam das Kind ins Kinderdorf? Wer ist seine Kontaktperson? Wo verbringt es seine Ferien? Dazu kommt jährlich ein aktuelles Foto.

Mit den beiden Dorfleiterinnen, den Hausmüttern und den Sozialarbeiterinnen bespreche ich jedes Kind. Informationen über die Schulleistung, das „Betragen“, die Interessen, Freundschaften, Gesundheit werden notiert und in die Akten übertragen. Beobachtungen der weltwärts-Freiwilligen runden das Bild ab.

Bei der Mehrzahl der Kinder gibt es nicht viel zu erzählen. Sie sind in der Schule im Mittelfeld, haben im Kinderdorf Freunde, erledigen ihre kleinen Pflichten freiwillig oder auf Aufforderung und sind bei guter Gesundheit. Die Jungen spielen Fußball, die Mädchen singen und tanzen gerne. Dennoch ist es immer wieder spannend – und meistens beruhigend – zu verfolgen, wie die Kinder sich entwickeln, auch wenn nicht immer alles nach Plan verläuft.

Zwei Beispiele mögen das illustrieren. Bei meinem Besuch im November habe ich erfahren, dass es mit B., einem 12-jährigen Jungen, seit einigen Monaten große Probleme gibt. Er lügt und ist frech zu den Hausmüttern, streitet sich mit den anderen Jungen und hat keine Lust zur Schule.

B. ist ein begabter Sänger und Mitglied im Kinderchor der Kirche, mit dem er sogar einige Male Auftritte in anderen Städten hatte. Da er jedoch Bettnässer ist, wollen sie ihn aber nicht mehr mitnehmen. Mama Erica, einige Hausmütter und die Sozialarbeiterin haben in meinem Beisein erneut mit B. gesprochen und versucht, gemeinsam mit ihm die Ursache für seine Probleme und eine Lösung zu finden. U.a. kam dabei heraus, dass es sein Berufswunsch ist, Priester zu werden! Letztendlich versprach B. Besserung. Sein älterer Bruder und dessen Freund wurden dazu verpflichtet, auf ihn zu achten und ihm zu helfen.

Ganz anders ist es bei L. , einem 14-jährigen Mädchen, das kurz nach ihrer Geburt ins Kinderdorf kam. Sie hat Ende 2018 einen sehr guten Abschluss bei der Nationalen Prüfung nach der 7. Klasse erreicht und – als einziges Amani-Kind – die Aufnahmeprüfung für eine renommierte Privatschule geschafft. Bevor sie ins Internat wechselt, wollte sie noch unbedingt die alte Hausmutter wiedersehen, die für sie in den ersten zehn Jahren die Mutterrolle übernommen hatte, ehe sie gesundheitsbedingt in Pension ging. Mama Erica brachte L. für ein Wochenende dorthin und die beiden haben eine sehr vergnügte Zeit miteinander verbracht.

Ich bin neugierig, was es bei meinem nächsten Besuch im Februar über B., aber auch über die anderen Kinder zu berichten geben wird. Alle Vorstandsmitglieder sind gespannt, wie L. in der fremden Umgebung ohne den Halt des Kinderdorfs und ohne ihre Freunde zurechtkommt.

Judy Eule