
Es war einmal ein ruhiger beschaulicher idyllischer Julisonntag in einer Kleinstadt in der Nähe der niederländischen Grenze. Unter Insidern wird sie auch einfach nur noch „G-Town“ genannt. Dort trudelten nach und nach acht Gestalten ein, die den Eindruck machten, als würden sie hier nicht hingehören. Sie wirkten fehl am Platz. Es handelte sich bei ihnen um die neuen Amani-Freiwilligen, die sich zum zweiten Mal für acht Tage zusammenfanden, um sich auf ihr Auslandsjahr vorzubereiten und gleichzeitig auch sich gemeinsam einzustimmen auf Tansania. Einer von ihnen war ich. Dabei wurden wir tatkräftig unterstützt von Fabienne und Petra, zwei studierten Diplompädagoginnen. Das lässt auch schon erahnen, um was sich das zweite Vorbereitungsseminar hauptsächlich gedreht hat. Auf der Tagesordnung standen Themen wie „Wer bin ich?“, „Wo liegen meine Stärken und Schwächen?“, „Teambildung“ sowie „Umgang mit Konfliktsituationen", um nur ein paar Punkte unseres voll gespickten Programms zu nennen.
Jeder von uns ging mit unterschiedlichen Erwartungen, mit gar keinen Erwartungen oder mit sehr gemischten bis skeptischen Gefühlen in dieses Seminar. Der ein oder andere urteilte wohl etwas zu voreilig, indem er es als „Psychozeug“ abtat und dem Nutzen für sich selbst sehr in Zweifel stellte. Es sollte sich nämlich am Ende herausstellen, dass es uns allen sehr viel brachte und uns das Gefühl gab, jetzt für Afrika gewappnet zu sein. Dreizehn Monate können schließlich verdammt lang sein!
Die acht Tage war sehr intensiv für uns alle, weiß doch jeder, wie anstrengend es ist, sich mit sich selbst und seinem Leben auseinanderzusetzen. Nach einer kleinen Kennenlernrunde, in der wir vorsichtig versuchten herauszufinden, wie die für uns zunächst noch unbekannten Pädagoginnen denn so ticken, beschäftigten wir uns unter anderem mit unserem eigenen „Sozial-Atom“, indem wir unser eigenes soziales Umfeld und unsere Beziehungen zu den Subjekten desselben, sowie deren Intensivität darstellen sollten. Darüber hinaus war eine unserer Aufgaben, die bisher wichtigsten Stationen und Personen in unserem Leben chronologisch in einer Form unserer Wahl festzuhalten und dem Rest der Gruppe vorzustellen. Der eine schrieb sein Leben auf, ein anderer versuchte, sein Leben in einem gemalten Bild auf die Quintessenz zu reduzieren. Das hört sich einfacher an, als es in Wahrheit ist. Die Köpfe rauchten, aber alle äußerten sich im Nachhinein sehr positiv über diese Aufgabe, gab sie uns Freiwilligen doch die Möglichkeit, uns gegenseitig noch besser kennenzulernen und das Einfühlungsvermögen für die anderen zu verbessern. Jeder Mensch hat nämlich eine Story, die es einem möglich macht, ein für einen selbst unverständliches Verhalten einer Person nachvollziehen und dafür möglicherweise Verständnis aufbringen zu können.
Als letzten Punkt unserer Agenda möchte ich die „Aufstellung“ noch näher vorstellen, weil sie von allen als sehr intensiv und emotional empfunden wurde. Jeder, der mochte, konnte eine bald anstehende Entscheidung, eine bereits getroffene oder auch jede andere (knifflige) Situation, die ihn beschäftigt, aufstellen lassen. Dazu musste die Person, die aufstellen ließ, meist sechs Empfindungen nennen, die für ihn bei der Entscheidungsfindung oder in seiner Situation eine Rolle spielen. Danach musste er eine Person bestimmen, die diese Empfindung verkörpern sollte. Sobald alle Empfindungen vergeben waren, musste dieselbe Person noch alle Empfindungen bzw. die Personifizierung der Empfindungen im Raum so zueinander arrangieren, wie er es für richtig hält. Wir gingen zum Teil in unseren Rollen dermaßen auf, dass manch einer von uns sogar, nachdem die Aufstellung bereits beendet war, nicht seine Rolle ablegen konnte. Ich kann leider nur so allgemein bleiben, weil es z.T. einfach um sehr persönliche Geschichten ging, die nicht jeden was angehen und daher im kleinen Kreis der Anwesenden bleiben sollen. Dafür hat sicher jeder Verständnis.
Natürlich gibt es noch unzählige Punkte, die jetzt ungenannt bleiben, dadurch waren sie natürlich nicht minder wichtig, aber wäre es mein Ziel, alles hier aufzulisten, das wir gemacht haben, dann würde ich an diesem Bericht noch ein Weilchen sitzen. Ich denke, es ist mir trotzdem gelungen, einen kleinen Überblick zu geben und gleichzeitig dabei nicht zu vergessen, an der einen oder anderen Stelle etwas ins Detail zu gehen.
Das Gelingen dieses Seminars wäre ohne die Offenheit und Ehrlichkeit aller Teilnehmer, unsere Begleiterinnen möchte ich davon nicht ausnehmen, niemals möglich gewesen. Daher möchte ich mich an dieser Stelle noch mal dafür bedanken. Dies führte auch dazu, dass wir zueinander schon ein gewisses Vertrauensverhältnis aufgebaut haben. Das ist für Tansania sicherlich schon mal nicht von Nachteil.
Nicht weniger viel zum Gelingen des Seminars hat mal wieder, wie beim ersten Seminar, unser Essensteam beigetragen. Vielen Dank an Petra & Marietheres, dass wir immer gestärkt in unsere Sitzungen gehen konnten und es uns an nichts gefehlt hat. Ohne jetzt lügen zu müssen, mir hat’s auch gut geschmeckt!
Fast hätte ich ihn vergessen, den Ulli. Das wäre natürlich unverzeihlich gewesen, hat er sich doch mal wieder durch vielfältiges Engagement ausgezeichnet und uns im wahrsten Sinne des Wortes Tür und Tor geöffnet (der Liebfrauenschule). Er ließ es sich auch nicht nehmen, mal den ein oder anderen der Abende, die von gemütlichem Zusammensitzen geprägt waren, bei einem Bier mit uns ausklingen zu lassen.
Genug der Danksagungen und Lobhudeleien, lasst mich jedoch noch rückblickend auf unser letztes Vorbereitungsseminar sagen: Wir haben uns selbst mit unseren Stärken und Schwächen noch besser kennengelernt. Dieses Wissen hilft uns selbst, unser Jahr freundlich zu gestalten, und auch im Umgang mit- und in der Unterstützung untereinander. Außerdem hilft es uns dabei, einen besseren Zugang zu und Austausch mit einer für uns zumindest erstmal fremden Kultur zu finden, dadurch, dass wir nun wissen, wie wir von außen wahrgenommen werden und wie wir am besten mit für uns möglicherweise unverständlichen Verhaltensweisen umzugehen haben. Wenn wir jetzt nicht bereit sind für Tansania, dann werden wir es wohl nie sein!
Felix Idelberger